Admiral’s Order: Action Report

Dieses Jahr war zu ersten Mal seit etwa 20 Jahren wieder auf der Spielemesse in Essen. Dieser Ausflug wird mir lange im Gedächtnis bleiben, nicht zuletzt weil ich mit drei Begleitern die Übernachtungsmöglichkeit bei meinen Eltern wahrgenommen habe und einer davon zumindest nach dem ersten Schnaps nicht einfach so an einem Klavier vorbeigehen kann, ohne eine kleine Kostprobe zu geben.

Auf der Messe habe ich mir dann vor allem Admiral’s Order angeschaut, darauf war ich neulich bei einer Recherche gestoßen und sowohl das Setting, als auch die Spielmechanik und der Anspruch auf Realismus hatten mich neugierig gemacht. Das tolle an der Messe ist ja, dass man da fast alles probespielen kann und eine etwa dreistündige Partie hatte mich dann auch so weit überzeugt, dass ich mir das Spiel gekauft habe.

Nun habe ich erst mal eine Partie gegen mich selbst gespielt, um mal ein bisschen tiefer in die Mechanismen und Regeln einzutauchen. 

Zum Einstieg habe ich ein kleines Scenario gewählt: das Aufeinandertreffen der britische Fregatten Lowestoffe und Dido mit ihren französischen Gegenstücken Minerve und Artémise am 24. Juni 1795 vor Toulon.

Vorbereitung

Das Spiel nimmt ganz schön viel Platz ein. Mit Spielplan, vier Kartenstapel, Regeln, Tabellen, Schreibzeug ist der große Teil des Wohnzimmertisches belegt. Ich bereue sofort, mir nicht einen guten Spielplan direkt mitgekauft zu haben; der hätte zwar 16 Euro extra gekostet, aber eine gute Latexmatte liegt eben doch viel besser auf dem Tisch, als ein mehrfach gefalteter Papierplan. So sieht es doch an manchen Stellen nach höherem Seegang aus, als das Szenario beschreibt.

Vier Schiffe sind schnell platziert, allerdings ist mir nicht klar geworden, in welche Richtung sie zu Beginn stehen. Weder habe ich eine allgemeine Anweisung im Regelbuch gefunden, noch eine spezielle im Szenario. Also habe ich alle in die gleiche Richtung aufgestellt, die Engländer in Verfolgung der französischen Schiffe.

Ziele und Taktik

Für die beiden Franzosen hatte ich mir ursprünglich das Ziel gesetzt, eine Flucht zu versuchen. Wenn jedoch eines der Schiffe zurückbleiben würde, so wollte ich das zweite zur Unterstützung kommen lassen. Mein Plan für die Engländer war dann entsprechend, die Franzosen zu stellen und in einem Kampf mit überlegener Feuerkraft zu überwältigen. Beim Aufsetzen der Schiffe wurde aber schnell klar, dass eine Flucht auf Grund des großen Abstands zu einfach wäre – die Franzosen bräuchten nur immer weiter mit höchster Geschwindigkeit wegsegeln, dann könnte nur noch Pech dazu führen, dass es überhaupt zum Kampf kommt. Und da die beiden französischen Fregatten nominell stärker sind , als ihre Gegner, habe ich mich daher kurzerhand entschlossen, sie den Kampf suchen zu lassen – ganz so wie auch vor etwas über 200 Jahren die Franzosen sich entschieden hatten.

Das Gefecht

Runde 1

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Unten links im Bild die Lowestoffe und die Dido, oben rechts die Artémise und die Minerve

Die Dido setzt alles an Segeln, was sie hat, um zu den beiden Franzosen aufzuschließen. Die Artémise wendet, um sich den Engländern auf Schussentfernung zu nähern. Mangels passender Karten fahren die Minerve und die Lowestoff einfach geradeaus.

Runde 2

Die Artémise feuert aus großer Entfernung auf die Dido und verursacht leichten Schaden an der Takelage. Die Minvere hat endlich Gelegenheit, ebenfalls zu wenden, feuert  direkt auf die Dido und verursacht gleichfalls leichten Schaden an der Takelage.

Die Lowestoffe setzt mehr Segel, erwidert das Feuer aus großer Distanz und trifft die Artémise am Achterdeck. Kapitän Charbonnier wird dabei verletzt. Die Dido setzt ebenfalls mehr Segel, hat jetzt auch die Artémise in Reichweite und eröffnet das Feuer. Dabei verursacht sie leichte Schäden.

Runde 3

Die Artémise nähert sich feuernd weiter dem Gegner und macht einige Löcher in die Segel der Dido. Die Minerve stimmt ein und nach ein paar Salven verliert die englische Fregatte ihren Hauptmast.

Der Erfolg kommt mit einem hohen Preis, denn die Lowestoffe hingegen nutzt die Gelegenheit, sich hinter die Minerve zu setzen und hämmert eine Breitseite nach der anderen in das ungepanzerte Heck. Die Dido dreht zunächst aus dem Kampf ab, ebenfalls weiter auf die inzwischen stark beschädigte Minerve feuernd.

Runde 4

Die Artémise hat weiter die Initiative, kann aber keine sinnvollen Manöver vollführen und entfernt sich daher zunächst vom Kampf, verfolgt von der Dido, die aus großer Entfernung jetzt auf ihr neues Ziel feuert und erstmals Schäden am Rumpf verursacht. Die Lowestoffe hat jetzt endgültig die Oberhand über ihren Gegner gewonnen, hämmert weiter auf die Minverve ein und nach wenigen Minuten beginnt die französische Fregatte langsam zu sinken.

Runde 5

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Die Minerve ist versenkt und die Artémise versucht, sich aus dem Gefecht zu lösen

Die Lowestoffe feuert von achtern auf die Artémise, die jetzt das letzte Hemd aufhängt, um dem nun klar überlegenen Feind davonzufahren, und setzt sich in ihrer Heckwelle in Bewegung. Die Dido setzt ebenfalls mehr Segel, um die Verfolgung aufzunehmen.

Runde 6

Alle fahren mit idealem Wind in dieselbe Richtung, dabei macht die Artémise unter vollen Segeln deutlich mehr Fahrt, als ihre Verfolger, insbesondere die teilentmastete Dido.

Runde 7

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Geschafft. Die Artémise ist den beiden Engländern entkommen.

Die Lowestoffe setzt nun auch alle Segel, eine ungünstige Brise im falschen Moment führt aber dazu, dass eine Rah sich losreist, das Segel beschädigt und das Schiff zunächst bremst. Die Artémise fliegt mit vollen Segeln davon und vergrößert ihren Vorsprung so sehr, dass die beiden englischen Fregatten beschließen, die Verfolgung einzustellen.

Fazit

Die Partie war schneller vorbei, als ich erwartet hatte und der englische Sieg war so eindeutig, dass ich am Ende nicht einmal daran gedacht habe, die Punkte zu zählen. Das lag zum einen daran, dass die Engländer ausgerechnet bei Breitseiten, wo sie eh große Vorteile genießen, auch noch extrem gut gewürfelt haben. Außerdem hatten sie mehr Glück beim Ziehen der Mannöverkarten. Mindestens einmal konnte sich die Artémise, die wegen ihres schlecht bewerteten Kommandanten stets eine Karte weniger ziehen durfte, nicht sinnvoll bewegen und immer, wenn es darauf ankam, fehlte den Franzosen die Karte „Chain Shot“, wodurch sie ihre einzige taktische Stärke im gesamten Gefecht nicht ein einziges Mal ausspielen konnten.

Entscheidend war jedoch ein grober taktischer Fehler, der dem Kapitän der Minerve (also mir) in Runde 3 unterlaufen ist. Wenn man nur darauf schaut, wo der Gegner gerade ist, statt wo er gleich sein könnte, sollte man kein Segelschiff in einen Kampf führen. Sobald sich die Lowestoffe in perfekter Schussposition ans Heck der Minerve setzen konnte, dann auch noch die Initiative gewann und zweimal hintereinander aus großer Nähe „raken“(1) konnte, war das Spiel für die Franzosen gelaufen.

Schade, dass es nicht zu einem echten Nahkampf gekommen ist. Diese Variante, in der das Spiel stark ins Geschehen reinzoomt, hätte ich gerne ausprobiert.


(1) „Raken“ bedeutet, den Bug oder das Heck des Gegners mit einer Breitseite wörtlich zu „beharken“. Die Kanonenkugeln jagen so der ganzen Länge nach durch das Schiff und richten unter Besatzung, Bewaffnung und Struktur fürchterliche Verwüstungen an. Das ungepanzerte Heck war stets eine Schwachstelle, und von hinten „beharkt“ zu werden war die taktische Position, die jeder Kapitän am meisten zu vermeiden suchte.

 

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