Gelesen: Zukünftiges

Unter all den Genres, die ich normalerweise öffentlich meide, hat Science Fiction-Literatur lange eine Sonderrolle eingenommen, da ich nicht einmal heimlich unter der Bettdecke einen Vertreter dieser Gattung gelesen habe. Erst in den letzten Monaten habe ich noch mal einen Versuch unternommen und habe dabei einigen Spaß gehabt.

Revelation Space, von Alastair Reynolds

Revelation_Space_cover_(Amazon)In dieser klassischen „Space Opera“-Serie erzählt der walisische Autor Alastair Reynolds von den Spätfolgen eines jahrmillionenalten, galaxieumspannenden Konflikts. Die Menschheit hat die Grenzen unseres Sonnensystems und in mancher Hinsicht auch der sterblichen Hülle überwunden und einige ferne Welten besiedelt. Raumschiffe mit beinahe-Lichtgeschwindigkeit verkürzen die Reisezeit zwischen den Sternen auf wenige Jahre, und Lebensverlängerungstherapien oder Kälteschlaf machen interstellares Hin- und Herreisen innerhalb eines Menschenlebens möglich. Dabei bleibt das Weltall zum einen ein großer, leerer Raum, andererseits auch Quell steter Bedrohungen. Immer wieder finden sich Hinweise auf die Auslöschung ganzer Zivilisationen durch die unheimlichen „Inhibitoren“.

Reynolds zentrale Themen, die in den Büchern immer wieder vorkommen, sind Identität, Interaktion zwischen Individuen, Kollektiven und Maschinen, sowie das Auseinanderdriften von körperlicher Existenz und Bewusstsein.

Die Bücher, anderthalb und ein Prequel habe ich geschafft, sind voll phantastischer Ideen, von denen manche bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Der Autor bemüht sich, die Grenzen der Physik nicht all zu weit zu dehnen und die gezeigte Zukunft plausibel zu halten.

Leider können die Charakterisierung der handelnden Personen und vor allem die oft zähen Dialoge nicht mithalten und schmälerten mein Lesevergnügen erheblich. Zwar gelingt es Reynolds, eine stets bedrohliche Atmosphäre zu erzeugen und aufrecht zu erhalten, aber die in seiner Welt agierenden Personen wirken oft holzschnittartig, die Handlung trotz des phantasievollen Rahmens vorhersehbar. Hintergrundwissen wird öfter mal als Frontalvortrag in Dialogszenen eingebaut und auch als wortkarg und nüchtern beschriebene Charaktere benötigen schon mal mehrseitige Monologe, um sich auszudrücken. Daher konnte ich mich etwa bei der Hälfte des zweiten von drei Bänden der Reihe, die unter anderem von einer Reihe Kurzgeschichten ergänzt werden, nicht mehr zu Weiterlesen aufraffen.

Leviathan Wakes, von James S. A. Corey

Leviathan_Wakes_(first_edition)Ganz anders diese Zusammenarbeit von Daniel Abraham und Ty Franck unter dem gemeinsamen Pseudonym James S. A. Corey.

Atemlos, actionreich und pointiert erzählen die beiden in mittlerweile vier Büchern eine unterhaltsame Abenteuergeschichte aus der gar nicht fernen Zukunft, in welcher die Menschheit zwar nicht zu fremden Sternen gereist ist, sich aber in unserem Sonnensystem ein wenig ausgebreitet hat. Auch mit dieser Prämisse umschiffen die Autoren ja gekonnt die uns als gesetzt bekannten Beschränkungen im Hinblick auf das schnelle Reisen durch den Weltraum, und trotzdem ist das Feld groß genug für allerlei Erlebnisse. Obwohl Teile der  Handlung auch problemlos in ein anderes Setting verpflanzt werden könnten, werden Themen wie technologischer Fortschritt, gesellschaftlicher Wandel und vor allem das Reisen in Raumschiffen hinreichend plausibel beschrieben, ohne dabei unnötig detailliert zu werden.

Vielleicht ist es gerade das gemeinsame Schreiben, welches hier das Tempo befördert und unnötigen Ballast verhindert. Man merkt auch deutlich, dass die Handlung der Bücher am Reißbrett geplant und nichts dem Zufall überlassen wurde. Dabei wirkt das Ergebnis aber nie künstlich hingebogen, sondern als würden die Einzelteile ganz natürlich zusammenpassen.

Die Charaktere sind soweit vom Klischee entfernt, dass es niemandem peinlich sein muss, sie zu mögen, aber Charakterentwicklung nimmt im Vergleich zur Handlung auch klar eine untergeordnete Rolle ein. Captain Holden und seine Crew tragen die Geschichte nicht, aber sie haben mich gut mitgenommen.

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